Probekapitel “Netzgemüse”

Die nachfolgenden Absätze sind ein gekürzter Auszug eines Netzgemüse-Kapitels.

Eine Bekannte erzählte mir, Tanja, dass sich ihr zehnjähriger Sohn im Internet ein pornografisches Video angeschaut habe. Sie hatte nur zufällig davon erfahren, weil sie einen eindeutig betitelten Link im Browserverlauf (also dort, wo man die zuletzt aufgerufenen Webseiten sehen kann) des Rechners entdeckt hatte, den kurz zuvor ihr Sohn benutzt hatte.
„Irgendein YouTube-Video über Sperma-ins-Gesicht-spritzen!“
„Oh nein!“
„Oh doch! Na, den hab ich mir erst mal vorgeknöpft! Er hatte auch selbst ein total schlechtes Gewissen und wusste gleich, worum es ging. Er hat mir versprochen, dass er nie wieder so was guckt und fand es okay, dass ich ihm für einen Monat Internetverbot erteilt habe.“
„Und das Video war auf YouTube?“ fragte ich. „Da ist doch Pornografie streng verboten.“
„Ja, kannste mal sehen!“
„Aber hast du das Video gemeldet?“
„Natürlich nicht, dazu hätte ich das Video ja noch mal aufrufen müssen. Das war mir echt zu eklig!“
„Du hast dir das Video gar nicht angeschaut?“
„Natürlich nicht!“

Mal ehrlich: Ein zehnjähriger Junge weiß, was Sperma ist, und dass es im Gesicht eigentlich nichts verloren hat. Wenn dieser Junge also die für ihn völlig absurde Kombination der Begriffe „Sperma“ und „Gesicht“ liest, ist doch völlig klar, dass er darauf klickt! Und zwar aus der gleichen Neugierde heraus, mit der er auf ein Video mit dem Titel „Elefant fährt Achterbahn“ klicken würde.
Es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass „Sperma ins Gesicht spritzen“ für einen Zehnjährigen nach einer Geschicklichkeitsübung in Richtung „Namen in den Schnee pinkeln“ klingt, als dass er dabei an eine Variation des erotischen Miteinanders zwischen Menschen denkt.

Hin und wieder den Browserverlauf des Kindes zu checken, kann nicht schaden, ist völlig legitim und bis zu einem bestimmten Alter sogar ratsam. Damit man aber weiß, ob und worüber man mit dem Nachwuchs ein Wörtchen zu reden hat, muss man sich die Sache wenigstens auch ansehen.

Im genannten Beispiel ist davon auszugehen, dass das Video einfach nur interessant betitelt wurde, damit es angeschaut wird. Wozu das gut sein soll? Nun, den Titel dieses Kapitels erhielt ich aufgrund meiner YouTube-Sucheingabe „Sperma, Gesicht“. Die Kombination der beiden Begriffe förderte etliche Videos mit noch expliziteren Titeln zutage, in denen aber nichts zu sehen ist als schlecht gefilmte Frauen, die mit dem Hintern vor der Kamera wackeln. Das braucht man zwar auch nicht, aber pornografisch ist das zu null Prozent. Alle diese Videos dienten nur dem Zweck, ein Dating-Portal zu bewerben, das sich zwar sicherlich nicht auf „Singles, die sich für Botanik interessieren“ spezialisiert hat, das aber registrierungs- und kostenpflichtig war. Nichts für Zehnjährige ohne Kreditkarte also.

Diesen YouTube-Trick, Videos mit bestimmten Suchbegriffen und Schlüsselwörtern zu versehen, sogenannten „Tags“, um neugierig oder auch harmlos suchende Nutzer mit völlig anderen Videos und vor allem Links zu ködern, kennt übrigens nicht nur die Industrie für Partnerschafts- oder Kontaktbörsen im Internet, sondern auch die orthodoxe Kirche. Die gleiche Sucheingabe wie oben bringt nach den Arschwackelvideos jede Menge christlich-orthodoxe Bilder zum Vorschein, verpackt in einem Video und vertont mit „WAHR Jungfrau Maria wir Sie zu vergrößern! Byzantinisch Orthodoxen Rumänischen Gesang“, so zumindest der Titel eines der Clips. Der Beschreibungstext zu diesem Video besteht aus endlosen, (automatisch und daher schlecht) aus dem Rumänischen übersetzten Texten über den „einzig wahren Glauben“.

Ja, manche Leute im Netz nerven furchtbar. Dem Zehnjährigen ist jedoch auf YouTube nichts Schlimmes widerfahren, tatsächlich wäre noch zu beurteilen, welches der genannten Videos einen schlechteren Einfluss auf ihn gehabt haben könnte, doch das überlassen wir Ihnen.

Okay, durchatmen. Aber wie zum Teufel kam der Junge überhaupt auf diese Videos? Hatte er danach gesucht? Vielleicht ja, vielleicht nein. Es gibt vielerlei sexuelle Spielereien mit von Erwachsenen erdachten, verspielten Namen. Was kann das Kind dafür, wenn es nach einer lustigen Verkleidung für das kommende Faschingsfest sucht und dabei auf einen sehr potenten, aber echt schlecht verkleideten Harry Pöter trifft?

Es ist in jedem Fall nicht fair, zu schimpfen und Verbote zu erteilen, vielleicht hat sich Ihr Kind selbst heftig erschrocken und wird nun auch noch bestraft für etwas, das es weder absichtlich sehen wollte noch vorher einschätzen konnte. Und vielleicht ist wie im beschriebenen Fall auch gar nichts Arges passiert, scheuen Sie daher nicht den Blick auf das, was ihr Kind sich angesehen hat. Nur so erfahren Sie, ob Sorge vielleicht völlig überflüssig war und ob Sie bei YouTube ein wirklich pornografisches Video als Verstoß melden könnten. Oder aber, worüber tatsächlich ein Wörtchen gesprochen werden sollte, denn je nach Alter des Kindes kann die Sache natürlich auch anders aussehen.

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  4. Ja, Dankeschön für das tragisch-hilflose Beispiel aus dem weiten Feld der Erziehungskompetenz ;)

    Wer zu diesem Thema in den Austausch treten möchte: profamilia.de oder gleich sexnsurf.de

    Hoffe das Buch findet Anklang bei PädagogInnen und Eltern!

  5. Pingback: Mein Buchtipp: Netzgemüse | Die Sendung mit dem Internet